Bis Bald, Canada

Heute ist der 1. Februar 2016. Ein Montag. Nichts besonderes eigentlich, ein Tag wie jeder andere. Nicht für mich. Heute vor genau 2 Jahren ging unser Flieger nach Toronto. Es war der Start unserer großen Reise. Wir waren jung, gerade mal 18 und hatten unser Abi in der Tasche. Ich weiß noch genau, wie wir am Gate in Frankfurt saßen und dachten: Krass, wir tun’s wirklich! Es fühlte sich so surreal an, nach monatelanger Planung tatsächlich im Flieger nach Canada zu sitzen. Heute, 2  Jahre später, ist es mindestens genauso unwirklich. Ich denke gerne an diese Zeit zurück. Ich weiß noch, wie wir abends den Sonnenuntergang am Englisch Bay bewundert haben. Wie wir am Grand Canyon auf einem Felsvorsprung standen und sich unter uns ein schier endloser Abgrund auftat. Und ich weiß, wie es war, als wir in New York über die Brooklyn Bridge liefen: Nämlich ziemlich kalt. Doch je mehr Monate und Jahre dazwischen liegen, desto ferner wird das Ganze. Ich kenne jedes einzelne Foto, das wir geschossen haben, aber die Erinnerungen verblassen nach und nach. Eines weiß ich aber noch mit Sicherheit: es war die beste Zeit, die ich in meinem bisher Leben hatte.

Wann genau meine Freundin und ich beschlossen hatten nach dem Abi nach Canada zu gehen, kann ich nicht mehr genau sagen. Es muss wohl irgendwann im letzten Jahr an der Schule gewesen sein. Eigentlich war es immer mein Traum gewesen, als Au Pair nach Amerika zu gehen. 1 Jahr war mir aber letztendlich zu lange, gerade wenn man noch Studienpläne hat. Dass unsere Wahl schließlich auf Kanada fiel, war mehr Zufall. Es ist ja fast dasselbe wie Amerika, dachten wir. Gleiche Sprache, gleicher Lifestyle, nur ein bisschen grüner und sauberer. Je mehr wir über Kanada recherchierten, desto größer wurde unsere Vorfreude. Es wurden Flüge gebucht und Rucksäcke gekauft. Neue Winterjacken mussten auch sein. Die kanadischen Winter sind kalt und wenn man im Februar losfliegt, sollte man darauf vorbereitet sein. Das Working-Holiday-Visum zu beantragen, stellte sich als etwas knifflig heraus. Vor allem mussten wir sehr viel Geduld haben. Anstatt wie üblich zum Ende des Jahres, wurden die Visa-Beantragung erst Mitte Januar freigeschaltet. Riskant, wenn man den Flug schon 2 Wochen später gebucht hat. So kam es dann auch, dass ich ohne Arbeitsvisum einreisen musste. Ich hatte ziemlichen Bammel vor der Einreisekontrolle am Flughafen, doch nach ein paar warnenden Worten des Beamten, durfte auch ich offiziell einreisen. 2 Wochen später kam schließlich die erlösende Mail mit meinem Arbeitsvisum und unserem Working-Holiday-Trip stand nichts mehr im Wege.
Ich möchte hier nicht im Detail über jeden Ort unserer Reise berichten. 4 Monate in einen Artikel zu bringen ist unmöglich. Ich bin beinahe etwas traurig, dass ich nicht schon damals einen Reiseblog erstellt habe. Aber ich möchte mit euch auf ein paar Momente und Augenblicke zurückschauen.

Februar
Nach unserem 8-stündigen Flug von Frankfurt aus wurden wir am Flughafen in Toronto von Freunden meines Vaters herzlich in Empfang genommen. Wir verbrachten 2 Wochen bei ihnen zuhause und hätten uns wohl keinen besseren Start in unser Abenteuer wünschen können! Wir wurden so herzlich in der Familie aufgenommen und bekamen Einblicke in die canadische Kultur, die wir ohne unsere einheimischen Gastgeber nie bekommen hätten. Wir lernten, warum Icehokey so wichtig für Canadier ist, wir erlebten, warum der Griff zum Snowblower dort ein morgendliches Ritual ist und wir probierten uns durch alle möglichen Leckereien, die die kanadische Küche zu bieten hat! Wir besuchten sogar -eher unfreiwillig- ein canadisches Krankenhaus, was unsere Pläne kurzzeitig etwas durcheinander brachte und uns eine Woche länger in Kitchener verweilen ließ. Nichtsdestotrotz ging es im März weiter nach….

März
…New York! In Big Apple erwarteten uns eine ganze Menge an gelben Taxis, Hochhäusern, Sehenswürdig- und Shoppingmöglichkeiten. Es war wirklich spannend, die ganzen Schauplätze aus verschiedenen Filmen wie Kevin allein in New York oder auch Gossip Girl hautnah zu erleben und festzustellen, dass es in echt genau gleich aussieht. Der wohl schönste Moment war der Blick auf die Skyline von Manhattan, den wir bei Sonnenuntergang von der Staten Island Ferry hatten. Der Himmel war blassrosa verfärbt und die Hochhäuser glänzten um die Wette. Einfach magisch. Doch Big Apple blieb nicht der einzige Stop in diesem Monat.  Mit dem Flieger ging es weiter, ins herrlich warme Phoenix. Nach der Eiseskälte in Kanada und New York hatten wir diesen „Sommerurlaub“ bitter nötig. Meinen 19.Geburtstag feierte ich am Grand Canyon – ich hätte mir einen deutliche schlechteren Ort vorstellen können. Mit einem kleinen Abstecher in LA gelangten wir San Francisco, einer wunderschönen Stadt mit ganz schön anstrengenden Hügeln. Auf einer Radtour über die Golden Gate Bridge kamen wir dem berühmten Bauwerk auch ganz nahe. Nach weiteren 1,5 Tagen in einem hübschen Greyhoundbus erreichten wir endlich unser finales Ziel: Vancouver.

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April
Back in Canada ging es sofort auf Jobsuche, schließlich war es ja eine Work AND Travel Reise. Da wir etwas unter Zeitdruck standen und nicht direkt mit Jobangeboten überhäuft wurden, stiegen wir auf WWOOFING um und waren für eine Woche Farmsitter auf Vancouver Island. Nur wir, ein kleines Häuschen mitten im Nirgendwo und Mocha- der heulende Wolfshund. Wir überlebten. Dennoch trennten sich die Wege meiner Freundin und mir vorerst. Sie blieb auf einer Weinfarm etwas außerhalb von Vancouver, ich hatte im Samesun-Hostel, im Herzen Downtowns, einen Job gefunden.

Mai
Während im vergangenen Monat das Wetter Vancouver-typisch ziemlich nass und regnerisch war, zeigte sich Van-City im Mai von seiner schönsten Seite: Sonne pur und Temperaturen, die zwar gerade die 20 Grad Marke kratzten, aber gefühlt den Hochsommer einläuteten. So verbrachte ich diesen Monat zwischen Bagels und Muffins am Morgen und Sonne und Strand am Tage und Billard am Abend. In der letzten Woche meiner Freundin holten wir bei traumhaftem Wetter den ganzen Sightseeingkram nach, den wir zu Beginn verpasst hatten. Es war mit die schönste Zeit der gesamten Reise, denn eines hat Vancouver definitiv zu bieten: enorm viel Lebensqualität. Ich lernte viele neue, tolle Menschen kennen und der Gang zum English Bay wurde zu einem täglichen Ritual. So sah ich dem Ende unserer Work-and-Travel-Reise eher traurig entgegen, bis es Anfang Juni wieder hieß: Hello Germany, I’m back.

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Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, sich Erinnerungen von vor 2 Jahren wieder ins Gedächtnis zu rufen und nieder zu schreiben. Manchmal würde ich gerne die Zeit zurückdrehen und einfach nochmal diese Momente erleben. Genießen. Diesen lockeren Lebensstil wieder haben. Den Tag leben, ohne an Morgen zu denken. Einfach am Strand spazieren und die Seele baumeln lassen. Aber ich bin Realist. Ich weiß, selbst wenn ich nochmal an diese Orte reisen würde, wäre es nicht das Selbe. Ich wäre nicht die Selbe. Außerdem kann man nicht ewig in einem Tagtraum leben. Man muss sich um seine Zukunft kümmern. Von nichts kommt nichts.
Gerade am Anfang war es schwer zu akzeptieren, wieder zuhause zu sein. Das Fernweh war zu groß. Zuhause dagegen war gewöhnlich, altbekannt. Als wäre die Zeit still gestanden. Nichts hatte sich verändert. Außer man selbst. Aber irgendwann kommt der Alltag wieder und man kommt damit klar. Verdrängt das Fernweh, aber gänzlich abstellen kann man es nicht. Deswegen möchte ich mir umso mehr diese einmaligen Erinnerungen gut aufbewahren und sie hoffentlich mit Neuen ergänzen. Denn irgendwann wirst du mich wiedersehen.
Bis Bald, Canada.

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