Rastlos

IMG_3525

Es ist jetzt das 6. Mal innerhalb der letzten 3 Jahre, dass ich meine Koffer packe und umziehe. Man sollte meinen ich hätte Übung darin. Man sollte meinen, dass es mir leichter fällt. Doch eigentlich hängt es mir ziemlich zum Hals raus. Genau dann, wenn man sich einigermaßen eingerichtet hat, darf man alles wieder zusammenpacken. Genau dann, wenn man sich eingelebt hat – die Busfahrpläne kennt, die besten Abkürzungen nach Hause, sich mit den Nachbarn angefreundet hat – muss man sich wieder neu sortieren. Umgewöhnen. Natürlich hätte ich es mir leicht machen können – einfach dort wohnen zu bleiben und mir neue Mitbewohner zu suchen. Selbst die Entscheidung zu treffen, anstatt wieder auf endlose „Castings“ zu gehen, wie es mittlerweile so schön heißt. Doch dazu war ich zu stolz. Ich wollte etwas besseres finden, was Preis und Wohnung angeht. Meine Mitbewohner dagegen hätte ich mir nicht besser wünschen können. Hätte ich wählen können, hätte ich mich für die überteuerte, etwas abgeranzte Bude und für meine Mitbewohner entschieden. Letztendlich lag das nicht in meiner Hand. Also packte ich wieder meinen Koffer.

Genau so oft, wie ich bisher umgezogen bin, so viele verschiedene WG-Konstellation habe ich miterlebt. Manche waren super, andere nur so mäßig. Länger als ein halbes Jahr war nur die Letzte. Meine Liste an Ex-Mitbewohnern ist deutlich länger als die meiner Ex-Freunde. Deshalb wollte ich nun die WG finden. Nicht nur, weil ich nicht ein weiteres Mal umziehen wollte, sondern auch um ein bisschen Konstanz in mein soziales Umfeld zu bekommen. Denn eine Wohngemeinschaft ist für mich nicht nur Mittel zu Zweck, auch wenn günstiger wohnen ein großer Vorteil ist. Mitbewohner sind im besten Fall deine Freunde und vielleicht sogar auch ein wenig Familienersatz. Mitbewohner sind meist die Ersten, denen man erzählt, wenn man einen miesen Tag in der Uni hatte. Sie fragen, wie es dir geht, wenn du mal den ganzen Tag krank im Bett liegst. Mama ist ja nicht mehr da. Aber sie sind auch diejenigen, mit denen du im Gammeloutfit spät abends bei einem Wein oder Tee in der Küche sitzt und vor lauter Reden die Zeit vergisst. Menschen, die vor ein paar Monaten völlig Fremde waren, die deine Macken kennen, die dich mittlerweile in allen Lebenslagen gesehen haben – und dich trotzdem noch mögen.

Ein weiterer Grund, weshalb ich mich vor einem erneutem Umzug gescheut habe, waren die sogenannten Castings. Jeder, der schon einmal auf WG-Gesucht unterwegs war, weiß wovon ich spreche. Ich mag diesen Ausdruck nicht. Es fühlt sich an, als wäre man eine Nummer unter vielen, die man zwar auch irgendwie ist, aber es setzt einen vor allem unter Druck. Netter, sympathischer, besser zu sein als alle Anderen, als wäre es ein großer Wettkampf. Dann das tagelange Warten, nur um eine Nachricht mit „wir haben uns für jemand anderen entschieden“ zu erhalten. Meistens hätte ich dort nichtmal einziehen wollen. Die Trefferquote bei solchen Castings ist auch als Bewerber gar nicht so hoch. Dass Wohnung, Lage UND Mitbewohner einigermaßen passen ist vielleicht in 1/4 der Besichtigungen der Fall. Denn auch wenn sich online alles super und die Leute sympathisch anhören, ist es jedes Mal auf Neue eine Überraschung, wer einem die Türe öffnet. Und selbst wenn man schon im ersten Augenblick merkt „das wird nichts“, muss man die meist halbe Stunde irgendwie durchstehen. Lächeln und ein Gespräch aufbauen, am besten ohne unangenehmes Schweigen. Einfach in der Türe umdrehen wäre ja auch unhöflich. Nein, ich kann WG-Castings wirklich nicht leiden. Dennoch ist es einfacher ein Zimmer zu finden, als eine ganze Wohnung. Der Wohnungsmarkt in Mainz ist echt grauenhaft, wie in so vielen deutschen Studentenstädten. Deshalb blieb mir eigentlich keine andere Wahl.

Dieses Mal ging die Zimmersuche überraschenderweise sehr schnell. Es war meine vierte Besichtigung und auch wenn ich nicht das große Zimmer mit dem wunderschönen Stuck an der Decke gezogen bin, lebe ich endlich meinen Altbautraum. Die altehrwürdigen Häuser mit den hohen Decken haben es mir irgendwie angetan, nicht ohne Grund ist Wien einer meiner Lieblingsstädte. Schon seit meinem Auszug hatte ich mir eine solche Bleibe gewünscht. Nun, 6 Umzüge später, ist es tatsächlich soweit. Ein paar Kleinigkeiten fehlen noch in meinem Zimmer, dennoch fühle ich mich knapp 3 Wochen nach meinem Einzug pudelwohl. Wie sich die WG-Gemeinschaft entwickelt wird man noch sehen. Zu Beginn ist ja immer alles Friede Freude Eierkuchen, ich spreche aus Erfahrung. Nach etwa 3 Monaten hat es sich meist eingespielt. Die ein oder anderen Macken werden entdeckt, Masken werden fallen gelassen – oder auch nicht – und man lernt einander besser kennen. Man wird vertraut. Das Amüsante ist, dass man sich nach ein paar Monaten Zusammenleben meist gar nicht mehr an die erste Begegnung erinnern kann. Genauso wenig an die an die ersten Wochen, in denen man sich kaum kannte. Es bleiben nur verschwommene Erinnerungen. Bis sind die Vorraussetzungen für ein gute Gemeinschaft in meiner neuen Wohnung auf jeden Fall schon mal da, den Rest wird die Zeit zeigen. Ich hoffe, ich habe meinen Platz gefunden. Mein Zuhause. Mal für länger als 1 Jahr. Endlich sesshaft, nicht mehr rastlos. Zumindest bis das nächste große Abenteuer ansteht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s